BAD CAMBERG. „Wer ist hier alles in der Feuerwehr?“ Harmut Neitzel stellt die Frage an die Umstehenden ...
Das Feuerwehr-Dienstleistungszentrum in Bad Camberg entlastet über 30 Feuerwehren und optimiert die Abläufe
Von Petra Hackert
Er selbst ist vor 55 Jahren in die Feuerwehr Selters-Münster eingetreten, der er noch immer angehört, auch wenn er mittlerweile in Linter wohnt. Damals war er 16 und gleich im Einsatz. „Das geht heute nicht mehr so schnell“, erzählt er vor dem Feuerwehr-Dienstleistungszentrum in Bad Camberg. Der 71-Jährige ist nicht der Einzige mit besonderem Bezug zur Feuerwehr: Bernd Rompel ist Ehrenmitglied des Kreisfeuerwehrverbands, kann ebenfalls auf Jahrzehnte aktiven Dienst zurückblicken. Gemeinsam mit acht weiteren Interessierten sind sie zu „Zeitung öffnet Türen“ von dieser Zeitung ins Dienstleistungszentrum der Feuerwehren in Bad Camberg gekommen.
Das Besondere: Es ist erst seit März in Betrieb. Seitdem hat sich schon einiges in den Abläufen geändert. Sie sind nach besten Möglichkeiten gestartet, im Bewusstsein, dass im laufenden Betrieb noch Korrekturen vorgenommen werden, sagt Michael Gläser. Der Brandinspektor der Gemeinde Brechen wird die Gruppe durch die Anlage führen. Nur zehn Personen: Die Teilnehmerzahl war begrenzt, denn es handelt sich um kritische Infrastruktur. Der Tenor am Schluss: „Wir haben viel gelernt.“ Jede(r) Einzelne würde wiederkommen.
Frank Groos berichtet: Das Feuerwehr-Dienstleistungszentrum Goldener Grund-Taunus im Gewerbegebiet von Bad Camberg dient als interkommunale Werkstatt- und Logistikdrehscheibe. Es entlastet über 30 Feuerwehren mit 1000 Einsatzkräften aus Bad Camberg, Brechen, Hünfelden, Selters und Weilrod. Das gemeinsame kommunale Engagement ist beispielhaft, wurde hessenweit gewürdigt und gilt als Leuchtturm-Projekt. Groos: „Dafür gibt es keine Blaupause. Wir haben es gemeinsam mit den Feuerwehren entwickelt und entwickeln es auch gemeinsam weiter.“
Frank Groos ist Geschäftsführer der Einrichtung – eine ehrenamtliche Aufgabe, die der parteilose Brechener Bürgermeister übernommen hat, weil er dahintersteht. Dabei kommt er nicht unbedingt aus einer Feuerwehr-Tradition. Sein Hobby war die Musik – doch das hier ist beides: ehrenamtliches Engagement für die Allgemeinheit und Entlastung der Kommunen. Brandschutz ist eine originäre Aufgabe der Städte und Gemeinden. Sie können froh sein, dass dies mit breiter ehrenamtlicher Unterstützung so gut funktioniert.
Womit wir mitten im Thema sind. Die Familie Hölper hat das Gebäude für rund 5,9 Millionen Euro errichtet – genau auf die Wünsche der Feuerwehren abgestimmt. „Das ist nicht selbstverständlich und geht weit über das hinaus, was man von einem Investor erwarten könnte“, sagt Michael Gläser. Dies wohl auch deshalb, weil die Bad Camberger Familie das besondere Engagement unterstützen möchte.
Eine gemeinnützige Gesellschaft
Zum Konstrukt: Die Kommunen haben eine gemeinsame gGmbH gegründet. Das kleine g vor der Gesellschaft steht für gemeinnützig. „Wir wollen kein Geld verdienen, aber auch nicht drauflegen“, sagt Frank Groos. 1,2 Millionen Euro habe die Gesellschaft in die Ausstattung investiert. Unter anderem wurden für die Schlauchwerkstatt 77.330 Euro veranschlagt, für das Schlauchlager 20.000 Euro. Der größte Brocken ist die Atemschutzwerkstatt mit rund 510.000 Euro. Die Kleiderpflege ist mit rund 175.000 Euro angesetzt.
Dies ist bereits ein sensibler Bereich: Die Feuerwehrleute bringen nun nach einem Einsatz alles ins Dienstleistungszentrum statt wie bisher in die eigenen Gerätehäuser. Die Schläuche werden gereinigt und geprüft, kehren anschließend zurück in den Einsatz. Hier wird auch schon der erste Knackpunkt sichtbar. Michael Gläser zeigt einen Schlauch aus dem Jahr 1971. Er ist bei einer Prüfung „geplatzt“, das heißt, an einer Stelle glatt durchgerissen. Natürlich wird er durch einen neuen ersetzt. Und ebenso selbstverständlich ist, dass auch vorher von den einzelnen Gerätewarten geprüft wurde. Nur: „Es steckt eine enorme Verantwortung dahinter, von denen wir die Ehrenamtlichen nun entlasten.“
Prüfen, dokumentieren, Verantwortung tragen
Der Gemeindebrandinspektor erklärt an einem praktischen Beispiel, was er meint. Im Juni vor drei Jahren sind zwei Einsatzkräfte bei einem Großbrand in einem Motorradladen in St. Augustin tödlich verunglückt. Ein Schlauch war geplatzt. Die Überprüfung ergab: Der Gerätewart hatte ihn ordentlich geprüft, dies auch dokumentiert. Die Versicherung hakte nach und hatte nichts zu beanstanden. Dennoch kann es zu solch einem tragischen Unglück kommen. Hätte der Gerätewart in der Dokumentation etwas vergessen, wäre es für ihn schwierig geworden. Genau diese Aufgaben liegen nun im Feuerwehr-Dienstleistungszentrum Goldener Grund-Taunus in Bad Camberg.
Ähnlich sieht es mit dem Atemschutz aus. Auch hier werden Masken überprüft. Gleiches gilt für die Einsatzkleidung der Wehren. Die Besuchergruppe nimmt sich mehr als zwei Stunden Zeit, schaut sich alles genau an. Mario Urban, einer der beiden Hauptamtlichen im Dienstleistungszentrum zeigt die Schlauchreinigung. Es gibt genug Gelegenheit, Fragen zu stellen.
Erleichterungen bei den Abläufen
Dabei geht es um Feuerwehralltag, Erleichterungen bei den Abläufen, aber auch die finanzielle Seite. Eine Gemeinde wie Brechen mit nur drei Ortsteilen hat andere Aufgaben zu meistern wie Weilrod mit 13. Damit die Belastung für die fünf Kommunen, die das Zentrum gemeinsam betreiben, fair verteilt wird, rechnet die gGmbH jede Dienstleistung einzeln ab. Dann gibt es noch Unterschiede in der Ausstattung: Manche haben ältere Schläuche, andere brandneue. „Wer gerade erst aufgestockt hat, möchte natürlich nicht mit Schläuchen aus den 70ern zurückkehren, wenn die Ausrüstung getauscht wird“, sagt Michael Gläser. Auch das wird sich ändern. Material wird sukzessive erneuert. Irgendwann werden alle auf dem gleichen Stand sein.
Austausch 24 Stunden am Tag
Bis dahin arbeitet das Dienstleistungszentrum nutzerorientiert und so, wie es die Einsatzkräfte am besten entlasten kann. Es ist nicht rund um die Uhr besetzt, aber ein Austausch 24 Stunden am Tag möglich. Je nachdem, wann der letzte Einsatz war/das nächste Ausrücken folgt, die sinnvollste Lösung. Schließlich geht es um Menschenleben – nicht nur bei denen, denen geholfen wird, sondern auch bei 1000 Einsatzkräften, die Leib und Leben in Gefahr bringen, weil sie sich für andere engagieren.
Bild: Mario Urban zeigt. wie ein Schlauch gereinigt und geprüft wird. Fotos: Petra Hackert
Bild: Hier wird Einsatzkleidung gewaschen. Fotos: Petra Hackert
Bild: Der Brechener Gemeindebrandinspektor Michael Gläser (links) erklärt die Schlauchpflege. Fotos: Petra Hackert
Bild: 1000 Einsatzkräfte aus über 30 Wehren profitieren vom neuen Feuerwehr-Dienstleistungszentrum in Bad Camberg. „Zeitung öffnet Türen" gibt Einblicke. Fotos: Petra Hackert
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