RUNKEL. In Runkel hat sich eine Tragödie abgespielt. In der Lederfabrik und Pelzgerberei Beuleke sind bei einem Betriebsunfall drei Menschen ums Leben gekommen ...
Chef der Lederfabrik Beuleke und weitere Bürger aus der Burgenstadt sind unter den Opfern / Die Polizei ermittelt
Von Peter Schäfer und Tobias Ketter
Nach Angaben der Hessenschau sollen sie 38, 58, 59 Jahre alt gewesen sein. Zwei weitere Mitarbeiter der Firma befinden sich laut der Polizei nach erfolgreicher Reanimation weiterhin in einem lebensbedrohlichen Zustand. Die fünf Betroffenen wurden am Donnerstagnachmittag regungslos in einer Grube des Unternehmens entdeckt. Im Zentrum der nun eingeleiteten Ermittlungen stehen Chemikalien, die möglicherweise zu dem Unfall geführt haben. „Es laufen Untersuchungen zur Ursache“, teilte das Polizeipräsidium Westhessen am Freitagnachmittag auf Nachfrage dieser Redaktion mit. Eine Kohlenmonoxid- oder Schwefelwasserstoffvergiftung könne zum aktuellen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden.
Antje Hachmann (parteilos), Bürgermeisterin der Burgenstadt, war sowohl am Donnerstagabend als auch am Freitagvormittag an der Unglücksstelle am Stadtrand von Runkel in Richtung Niederbrechen anzutreffen. Sichtlich erschüttert und emotional mitgenommen berichtete sie dieser Redaktion, dass sich auch der Firmenchef des siebenköpfigen Unternehmens unter den Toten befinde. Zu den tödlich verunglückten sowie schwerverletzten Angestellten gehören ihren Angaben zufolge noch drei weitere Leute aus dem Stadtgebiet. „Es handelt sich um bekannte Gesichter. Einer von ihnen war Teil der Alters- und Ehrenabteilung einer unserer Feuerwehren“, sagte die Rathauschefin.
Hachmann teilte zudem mit, dass sie am Donnerstagnachmittag nach dem Erhalt der Information direkt von einem Termin in Bad Homburg zu der Lederfabrik gefahren sei, um sich dort ein Bild von der Lage zu machen. „Die Einsatzkräfte haben hochprofessionell gearbeitet. Etliche Ehrenamtler haben sich selbst in Lebensgefahr begeben, um andere Menschen zu retten“, so die Bürgermeisterin. In den darauffolgenden Stunden habe sie Kontakt zu den Angehörigen der Opfer und zu vielen weiteren erschütterten Bürgern aus Runkel gehabt. „Es ist eine riesengroße Tragödie für unsere Stadt. Wir sind alle schockiert und werden nun zusammenstehen“, fasste Hachmann die Sachlage zusammen.
150 Personen sind im Einsatz
Mittlerweile liegen auch einige Informationen zu den Minuten unmittelbar vor dem Entdecken der fünf Personen in der Grube vor. Offenbar ist der Unfall bei der Arbeit mit Produktionsabwässern passiert, nach Informationen dieser Redaktion im Rahmen eines „üblichen Reinigungsprozesses“. Zunächst ist dabei wohl nur ein Angestellter in die Grube gestiegen. Nachdem dieser nicht zurückkam, stiegen weitere Personen hinunter, um nach dem Rechten zu sehen. Die Mitarbeiter wollten sich also laut den Informationen dieser Redaktion gegenseitig helfen und bezahlten dies mit dem Leben. Wie Kreisbrandmeister René Schultheiß erläuterte, waren beim darauffolgenden Einsatz Feuerwehrleute aus Dehrn, Ennerich, Niederbrechen, Lindenholzhausen, Runkel und Schadeck beteiligt. Zudem seien Mitglieder des Gefahrenstoffzuges des Landkreises Limburg-Weilburg, des Kreis-Dekontaminationszuges, der Kreis-Messgruppe, der Brandschutzaufsicht, des Regierungspräsidiums Gießen und des Hessischen Innenministeriums mit dabei gewesen. Hilfe geleistet hätten auch Betreuungs- und Sanitätszugskräfte des Malteser-Hilfsdienstes und des Deutschen Roten Kreuzes sowie der Mitglieder der Notfallseelsorge Limburg-Weilburg und weitere Seelsorger. Insgesamt seien rund 150 Personen und mehrere Hubschrauber an dem Einsatz, der bis nach 3 Uhr in der Nacht andauerte, beteiligt gewesen.
Spezialisierte Einheiten haben am Donnerstagabend an der Unfallstelle an einer Messstation Kontrollen durchgeführt. Dabei kam ein Kohlenmonoxid-Messgerät zum Einsatz. Es dient dazu, frühzeitig vor gefährlichen Konzentrationen dieses geruchlosen, farblosen und tödlichen Gases zu warnen. Gefahr für die umliegende Bevölkerung bestand aber letztlich zu keiner Zeit.
Dekontaminationszelt aufgebaut
Darüber hinaus wurde auch ein Dekontaminationszelt aufgebaut. Einsatzkräfte, die unmittelbaren Kontakt mit der Unfallstelle hatten oder sich in direkter Nähe befanden, wurden dort hingebracht und vorsorglich ärztlich untersucht, weil nicht klar war, mit welchen Stoffen sie in Berührung gekommen sein könnten. Betroffen waren 45 bis 50 Einsatzkräfte.
Etliche Politiker aus ganz Hessen haben nach dem Unglück ihre Anteilnahme ausgesprochen. „Das Land Hessen ist erschüttert. Wir alle bedauern, dass durch diese schreckliche Tragödie drei Menschen ums Leben gekommen sind und zwei weitere schwer verletzt wurden“, sagte Innenminister Roman Poseck (CDU) am Donnerstagabend am Unfallort. Seine Gedanken seien bei den Angehörigen und den Schwerverletzten. „Mein großer Dank gilt allen Einsatzkräften, vor allem den Feuerwehren aus dem Landkreis Limburg-Weilburg. Sie haben sofort professionell in einer für alle besonders herausfordernden Lage gehandelt. Mein Dank gilt auch den Einsatzkräften der Polizei, den Rettungsdiensten und den Seelsorgern, die ebenfalls mit sehr großem Engagement vor Ort tätig waren“, so Poseck weiter.
„Ich bin in Gedanken bei den Angehörigen und wünsche den Verletzten viel Kraft und baldige Besserung“, sagte Ministerpräsident Boris Rhein (CDU). Und auch Ayse Asar (Grüne), Bundestagsabgeordnete für den Landkreis Limburg-Weilburg, hat sich zu Wort gemeldet: „Ich bin tief betroffen über das schwere Unglück in Runkel und denke in diesen Stunden an die Opfer, ihre Familien und alle Verletzten. Mein Dank gilt den Einsatzkräften, die unter schwierigen Bedingungen alles tun, um die Lage aufzuarbeiten und weitere Gefahren auszuschließen“, sagte sie. Zudem sprachen Landrat Michael Köberle (CDU) sowie der Erste Kreisbeigeordnete Jörg Sauer (SPD) ihre Anteilnahme aus. Beide lobten des Weiteren die Einsatzkräfte. „Hier wurde Hervorragendes geleistet. Das Ereignis wird den Helfern lange in Erinnerung bleiben“, merkte der Landrat an.
Trauerstunde in der Kirche von Runkel
Die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Mittleres Lahntal, zu der Runkel gehört, und die Stadt Runkel veranstalteten am Freitagabend eine Trauerstunde in der Kirche. Innenminister Roman Poseck war erneut anwesend. Bürgermeisterin Antje Hachmann und der Stadtverordnetenvorsteher Jörg-Peter Heil (CDU) sprachen zu der trauernden Bevölkerung. Anschließend blieb Zeit für Stille, Gespräche und Gebete für die verunglückten Mitarbeiter der Firma.
DAS UNTERNEHMEN
Bei der Lederfabrik und Pelzgerberei Beuleke handelt es sich um ein Traditionsunternehmen in einer Branche, die in Deutschland nicht mehr stark verbreitet ist. In 2026 wollten die Verantwortlichen des Betriebs eigentlich den 200. Geburtstag der Firma feiern. Bislang wurden jährlich rund 10.000 Häute am Stadtrand von Runkel bearbeitet. Neben Kuh, Schaf, Ziege, Pferd, Fuchs, Hirsch, Wildschwein oder Marder fanden sich darunter auch außergewöhnlichere Häute, etwa vom Elch, Yak, Bison und von afrikanischen Tieren. „Wir verzichten bei unserer Arbeit auf bedenkliche Gerbverfahren und produzieren mit einer eigenen Klär- und Neutralisationsanlage für unsere Produktionsabwässer“, heißt es auf der Homepage des Betriebes.
Bild: Etliche Einsatzkräfte, die sich in unmittelbarer Nähe des Unfallortes aufgehalten haben, müssen in das orangene Dekontaminationszelt (links). Fotos: Peter Schäfer
Bild: Die Rettungskräfte nutzen ein Kohlenmonoxid-Messgerät. Fotos: Peter Schäfer
Bild: Roman Poseck (Dritter von links) spricht im Beisein von Antje Hachmann (Zweite von links), Jörg Sauer (Dritter von rechts) und Michael Köberle (Zweiter von rechts) mit Medienvertretern über das Unglück. Fotos: Peter Schäfer
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