RUNKEL. Knapp eine Woche nach dem tragischen Unfall in der Lederfabrik und Pelzgerberei Beuleke in Runkel ist die Aufarbeitung in vollem Gange ...
Unfall in Runkel: Die Einsatzkräfte berichten vom „schlimmsten Tag“ ihres Lebens / Notfallseelsorger im Einsatz
Von Tobias Ketter
Bild: Die Feuerwehren waren unter erschwerten Bedingungen tätig. Jetzt werden die Geschehnisse aufgearbeitet. Foto: Feuenxvehr Runkel
Drei Personen sind am Donnerstagnachmittag in einer mit gefährlichen Chemikalien gefüllten Grube auf dem Firmengelände ums Leben gekommen. Während die Staatsanwaltschaft der Ursache des Unglücks auf der Spur ist und die beiden Schwerverletzten im Krankenhaus um ihr Leben kämpfen, sind die Einsatzkräfte damit beschäftigt, die dramatischen Ereignisse zu verdauen. Feuerwehrmann René Langrock sowie Jörg Martin, Wehrführer der Feuerwehr Runkel, und Einsatzleiter Moritz Dreiling berichten gegenüber dieser Redaktion, wie das gelingen kann und wie sie den Unglückstag erlebt haben.
Bild rechts: René Langrock
Langrock, der auch Ortsvorsteher der Burgenstadt ist, traf mit dem ersten Trupp an der Lederfabrik ein. „Ich habe mich dann mit einem Atemschutzanzug in die Grube begeben und mitgeholfen, die regungslosen Personen unter schwersten körperlichen Anstrengungen an die Oberfläche zu bringen“, berichtet der Runkeler. Die enorme Belastung habe dazu geführt, dass sich seine Blutwerte in den Stunden und Tagen nach dem Einsatz verschlechterten. Langrock gehört also zu den drei Kameraden, die auch körperliche Schäden davongetragen haben. „Ich befinde mich aktuell in Behandlung. Regelmäßig werden meine Werte im Krankenhaus kontrolliert. Mit den in der Grube ausgetretenen Stoffen hat mein Gesundheitszustand aber nichts zu tun“, so der Ortsvorsteher weiter.
Für den erfahrenen Feuerwehrmann, der schon unzählige Unfälle, Brände und andere dramatische Ereignisse miterlebt hat, sei der Einsatz in der Pelzfabrik der schrecklichste überhaupt gewesen. „Ich werde sicherlich noch einige Zeit brauchen, um das zu verarbeiten“, sagt Langrock. Er selbst habe besonders stark mit mentalen Nachwirkungen zu kämpfen, da er zwei der Todesopfer gut gekannt habe. Derzeit stehe für ihn und eigentlich auch für die gesamte Stadt Runkel die Welt still. „Jeden Bürger haben die Geschehnisse betroffen gemacht. Viele Veranstaltungen und Zusammenkünfte im Stadtgebiet wurden deshalb am vergangenen Wochenende abgesagt“, sagt der Feuerwehrkamerad.
Bild rechts: Jörg Martin
Jörg Martin spricht mit Blick auf den zurückliegenden Donnerstag sogar vom „schlimmsten Tag“ seines Lebens. „Das war wirklich ein Worst-Case-Szenario mit furchtbaren Bildern“, erzählt der Wehrführer, der auch unmittelbar an der Grube tätig war, wo die Opfer teilweise erfolgreich reanimiert wurden. Er und seine Kameraden seien während der dramatischen Stunden „wie im Tunnel“ gewesen. „Wir haben trotz der schrecklichen Umstände funktioniert“, so Martin weiter.
Laut Moritz Dreiling war die Situation in der Pelzfabrik im negativen Sinne einzigartig. „Wir haben so etwas zuvor noch nicht erlebt. Man trainiert und simuliert zwar Einsätze mit Gefahrenstoffen, aber letztlich kann das Erlebte dennoch als äußerst außergewöhnlich beschrieben werden“, sagt der Einsatzleiter, der die geleistete Arbeit aller Beteiligten zudem als „hochprofessionell“ bezeichnet. Dreiling erklärt zudem, dass bereits während des Unglückstages spezielle Messungen an der Grube gemacht wurden. „Dabei haben wir Kohlenstoffmonoxid und Schwefelwasserstoff festgestellt. Diese Stoffe sind also in der Grube ausgetreten. Das ist sicher“, sagt er. Ob die beiden oder einer der beiden Stoffe letztlich für den Tod der beiden Mitarbeiter und des Firmenchefs verantwortlich sind, müsse aber die Staatsanwaltschaft prüfen.
Bild rechts: Moritz Dreiling Foto: Peter Schäfer
Psychische Betreuung beginnt unmittelbar nach Unglück
Martin und Dreiling berichten darüber hinaus von der psychischen Betreuung für die Einsatzkräfte. „Diese begann bereits in den Krankenhäusern, in denen etliche Kameraden unmittelbar nach den Geschehnissen untersucht wurden. Die Notfallseelsorge des Landkreises Limburg-Weilburg war in den Kliniken mit dabei“, sagt Dreiling. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag seien zudem Seelsorger und auch der evangelische Pfarrer Christian Grän im Runkeler Feuerwehrhaus anzutreffen gewesen, um mit den Beteiligten über das Erlebte zu sprechen.
„Nachdem wir am Freitagabend den Trauergottesdienst in der Kirche besucht hatten, gab es erneut Gespräche mit den Seelsorgern“, ergänzt Martin. Und auch am vergangenen Montag sei die Aufarbeitung weitergegangen. „Wir haben uns mit knapp 40 Personen – darunter auch Feuerwehrleute aus dem Stadtteil Ennerich, die ebenfalls früh am Unglücksort waren – im Feuerwehrhaus getroffen, um uns im Beisein von Pfarrer Grän und Bürgermeisterin Antje Hachmann über den Einsatz sowie über unsere mentalen Zustände zu unterhalten“, sagt der Wehrführer. Die Runkeler Wehr sei ein gutes Team und es werde in diesen schwierigen Stunden niemand alleine gelassen, so Martin, der besonders der Seelsorge für die Unterstützung dankt.
ERMITTLUNGEN: OBDUKTION AM DIENSTAG
Die drei bei dem Grubenunglück tödlich verunglückten Personen sind am Dienstag obduziert worden. Das teilt Oberstaatsanwalt Volker Bützler auf Nachfrage mit. Spätestens am Donnerstag könnten demnach genauere Angaben zur Todesursache gemacht werden. Zudem suchten die Ermittler derzeit nach den Gründen, warum die gefährlichen Stoffe ausgetreten sind. „Um welche Stoffe es dabei geht, ist noch nicht geklärt. Die Aussage der Feuerwehr, dass es sich um Kohlenmonoxid und Schwefelwasserstoff handelt, kann ich aktuell noch nicht bestätigen“, so Bützler weiter. Darüber hinaus berichtet er, dass der Zustand der beiden Schwerverletzten weiterhin kritisch ist.
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