WIESBADEN. In der Nacht zum 8. Juni brennt es im Umspannwerk Reutlingen-West. Gegen 1.37 Uhr beginnt nach Angaben der Netzbetreiber die Störung ...
Der dritte Tag ohne Strom: Der Kühlschrank taut, das Handy ist leer, die Bankkarte nutzlos. Dann zählt, ob Wasser noch fließt, Hilfe erreichbar bleibt und Diesel reicht.
Von Puja Karsazy
Kurz darauf fällt die Anlage aus. Zeitweise sind rund 26 Megawatt Leistung betroffen, etwa so viel wie der Verbrauch von 20.000 Haushalten. Nach zwei Tagen stehen auch die letzten Haushalte und Betriebe wieder unter Strom.
Der Vorfall in Reutlingen zeigt, wie rasch aus einem Brand eine Frage der Vorsorge wird. In Hessen stellt sich dieselbe Frage für Kliniken, Wasserwerke und Pflegeheime: Wie lange tragen ihre Notstromreserven? In ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage des fraktionslosen Abgeordneten Sascha Herr räumt das Hessische Innenministerium ein, dass systematische Erhebungen zur Notstrom-Autarkie einzelner kritischer Einrichtungen fehlten. Doch was geschieht, wenn die Reparatur länger dauert? Die folgenden Stationen zeichnen mögliche Szenarien, orientiert an den amtlichen Folgenbeschreibungen und Vorsorgehinweisen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.
Stunde 1: Der Alltag gerät ins Stocken
Am Morgen bleibt die Kaffeemaschine kalt. Der Router bleibt aus. Im Treppenhaus steht der Aufzug, an der Kasse verstummt der Scanner. Der Akkustand des Handys sinkt. Mit jedem Prozent wird aus der Panne in der Wohnung eine Frage für die ganze Straße: Wo gibt es Informationen, wo Hilfe, wo einen Notruf? Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz nennt den großflächigen, langanhaltenden Stromausfall ein zentrales Szenario im Bevölkerungsschutz. Strom versorgt Wasserwerke, Abwasseranlagen, Krankenhäuser, Kommunikation, Verkehr und Lebensmittelketten. Die Systeme greifen ineinander. Sobald eine Versorgung wankt, gerät die nächste unter Druck.
Stunde 6: Wenn Akku, Karte und Netz schwächeln
Der Handyakku leert sich weiter, der Geldautomat bleibt aus. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz rät deshalb zu Powerbank, geladenen Ersatzakkus sowie Batterie- oder Kurbelradio: Bei Stromausfällen können Mobilfunk und Internet gestört sein, Geldautomaten fallen aus. Wer dann wissen will, was los ist, braucht Radio, Sirenen oder eine Anlaufstelle in der Nähe.
Stunde 24: Notstrom trägt die kritischen Bereiche
Für Krankenhäuser gelten Vorgaben: Operationssäle und Intensivstationen müssen für mindestens 24 Stunden mit Notstrom versorgt werden können. Die Antwort des Ministeriums verweist zugleich darauf, dass der Vollbetrieb einer Klinik über diese Vorgabe hinausgeht. Küche, Labor, Aufzüge, IT, Stationen und Lieferwege folgen eigenen Abläufen, eigenen Abhängigkeiten, eigenen Reserven.
Für integrierte Leitstellen, also die Notrufzentralen von Feuerwehr und Rettungsdienst, erklärt das Land, die Notstromversorgung sei gewährleistet. Konkrete, hessenweit vergleichbare Werte zur Autarkiezeit nennt es nicht. Für Kliniken, Wasser- und Abwasserbetriebe sowie Pflegeeinrichtungen fehlen systematische Erhebungen.
Stunde 48: Wasser, Rettung und Pflege
Hier entscheidet sich, ob Wasser aus dem Hahn kommt, ein Rettungswagen per Funk organisiert wird und ein Pflegeheim seine Bewohner versorgen kann. Laut Ministerium tragen die Betreiber kritischer Infrastruktur die Verantwortung für den sicheren Betrieb im Normal- wie im Krisenfall. Der Katastrophenschutz konzentriert sich auf unmittelbare Gefahren für Leib und Leben sowie auf die Minderung schwerer Folgen.
Besonders eng wird es in Wohnungen, in denen Menschen auf Heimbeatmung, Sauerstoffversorgung oder dialysebezogene Geräte angewiesen sind. Landesweite Zahlen zu dieser Gruppe fehlen. Die Regierung verweist auf fehlende gesetzliche Vorgaben und Berichtspflichten. Für Angehörige, Pflegedienste und Krisenstäbe erschwert das die Planung: Sie können landesweit nicht abschätzen, wie viele Menschen bei einem langen Stromausfall besonders schnell Hilfe bräuchten.
Stunde 60: Wo Hilfe wartet, wenn das Netz ausfällt
Bei länger dauernden Stromausfällen sollen Gemeinden Anlaufstellen für die Bevölkerung vorhalten. Dort können je nach Ausstattung Informationen, Notrufe, Trinkwasser, Wärme oder Kontakt zu Leitstellen und Krisenstäben bereitstehen. Eine landesweite Karte dieser Orte fehlt. Wer heute wissen will, wo im eigenen Ort Hilfe erreichbar wäre, muss bei Stadt oder Gemeinde fragen.
Der Resilienzleitfaden des Ministeriums nennt beispielsweise für Wiesbaden 28 stationäre und sieben mobile „Leuchttürme“ als Notruf- und Informationsstellen. Zur Vorsorge gehören außerdem analoge Meldewege, BOS-Digitalfunk, also das eigene Funknetz von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten, Satellitentelefonie, Ausweichräume und Notstrom. In einer dunklen Stadt zählt dann die offene Tür eines Feuerwehrhauses mehr als jede App.
Stunde 72: Jetzt zählt der Diesel
Ein Aggregat hält Krankenhaus, Leitstelle oder Wasserwerk nur so lange am Laufen wie Diesel im Tank ist. Nach 72 Stunden wird der Tankwagen wichtig: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz empfiehlt Betreibern kritischer Infrastruktur, Notstrom für mindestens drei Tage aus eigenen Vorräten zu sichern. Diese Zeit verschafft Krisenstäben Raum, Nachschub zu organisieren und Prioritäten zu setzen.
Rechtlich oder organisatorisch verbindliche, einheitliche Regeln für die priorisierte Treibstoffversorgung fehlen in Hessen laut Landesregierung; landesweit zusammengeführte Erkenntnisse über Lieferzusagen und Reaktionszeiten auch. Betreiber setzen auf eigene Vorräte und auf Verträge mit Lieferanten.
Mehrere Kreise haben diesen Ablauf geprobt: Der Hochtaunuskreis übte 2023 einen Stromausfall von mehr als 72 Stunden, den Ausfall der Telekommunikation und die Treibstoffversorgung. Im Landkreis Kassel standen in den Jahren 2023 bis 2025 Vollübungen zur Treibstoffversorgung auf dem Plan. Im Kreis Gießen gibt es seit 2018 jährliche Plan- und Stabsübungen zu Stromausfall, Kommunikation und Treibstoff.
Bild: Hessen setzt auf Krisenstab, Notstromaggregate und Austausch mit Energieversorgern, um Stromausfälle möglichst schnell zu bewältigen. Doch ein Restrisiko bleibt bestehen. Foto: Roberto Pfeil/dpa
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