WIESBADEN. Tief im Wald zwischen Bad Schwalbach-Hettenhain und Taunusstein-Seitzenhahn im Rheingau-Taunus-Kreis brauchten die Einsatzkräfte rund 30 Minuten, bis sie das Feuer fanden ...
Hessens staatlicher Forstbetrieb steht vor einem Paradigmenwechsel: Waldbrandvorsorge wird zur dauerhaften Sicherheitsaufgabe – zum Schutz von Wäldern, Menschen und Siedlungen.
Von Puja Karsazy
Fichten brannten bis in die Kronen, Wind trieb Funken weiter. Bis Donnerstagmorgen hatten die Flammen rund 25.000 Quadratmeter erfasst, etwa dreieinhalb Fußballfelder. Vier Kilometer entfernt brannte bei Bad Schwalbach-Fischbach ein weiteres Waldstück von rund 10.000 Quadratmetern. Die Feuerwehr leitet die Löscharbeiten. Hessen Forst weist ihr Wege zum Brand, kennt Wasserstellen und gefährdete Bestände und vermittelt schwere Forstmaschinen – eine Aufgabe, die mit jedem trockenen Sommer schwieriger wird und Hessen Forst dauerhaft verändert.
Mehr Brände, meist kleine Flächen
Der hessische Landesbetrieb bewirtschaftet rund 342.000 Hektar Staatswald – etwa 14-mal so viel Fläche wie Frankfurt. Seine 39 Forstämter halten Hauptwege befahrbar, pflegen Einsatzkarten und beraten die Feuerwehr. Florian Rux leitet bei Hessen Forst unter anderem den Bereich „Waldschutz“. Für den Forstwissenschaftler wird die Waldbrandvorsorge zur „Daueraufgabe des Forstbetriebes“.
Seit Mai 2025 gilt bei Hessen Forst ein Präventionskonzept. Es zeigt den Forstämtern, wo sie mit begrenztem Personal zuerst handeln sollen. Im Blick stehen Wohngebiete und Gewerbeflächen am Waldrand, Grill- und Wanderparkplätze, Schulen und andere stark besuchte Orte. „Das Präventionskonzept lässt sich nicht von einem Jahr aufs andere umsetzen“, sagt Rux. Die Forstämter arbeiten seit 2025 danach, doch er weiß auch: „Das ist kein Sprint. Die betreute Waldfläche ist groß, und die Klimaextreme häufen sich mit zunehmender Schnelligkeit. Wir müssen priorisieren, wo es am dringlichsten ist, das setzen wir erfolgreich um.“
Hessen verzeichnete seit Jahresbeginn rund 100 Waldbrände. Sie erfassten etwa 165.000 Quadratmeter, rund 23 Fußballfelder. In Hanau brannten am Mittwoch fast 5.000 Quadratmeter Wald. Die Polizei fand mehrere Brandherde und ermittelt wegen Verdachts auf Brandstiftung. Rux sieht eine langfristige Entwicklung. Klimaprognosen ließen Jahre erwarten, in denen Waldbrände „eine wesentlich intensivere Rolle spielen, als wir das aus der Vergangenheit kennen“. 2022 habe Hessen eine starke Brandsaison erlebt, auch 2026 nehme das Thema wieder Fahrt auf. Die meisten Feuer blieben klein und erfassten Streu, Gras, Reisig oder Humus. Sogennnante Vollfeuer bis in Stämme und Kronen treten seltener auf. Rux rechnet damit, dass sich das ändert.
Das Land hat Alarmstufe A für die Forstverwaltung ausgerufen. Die Forstämter überwachen gefährdete Gebiete stärker, halten Personal und Geräte einsatzbereit und pflegen den Kontakt zu den örtlichen Brandschutzstellen. Bei einem Alarm fährt ein Revierleiter zum Einsatzort und berät die Feuerwehr.
In den ersten Minuten zählt, wie schnell die Einsatzkräfte den Brand erreichen. Große Fahrzeuge brauchen tragfähige Zufahrten. Auf schmalen Waldwegen fehlt Platz für Gegenverkehr. Der Revierleiter kennt Abzweigungen, Wendeplätze und Ausweichstellen und hilft, einen Rundverkehr für Tanklöschfahrzeuge einzurichten. „Die schnelle Sicherstellung der Wasserversorgung ist das A und O“, sagt Rux. Regelmäßige Übungen bereiten Förster und Feuerwehren im Ernstfall vor.
Der Revierleiter zeigt, wo Laubholz das Feuer eher bremst und wo trockene Fichten, Reisig oder Totholz die Ausbreitung fördern. Hessen Forst vermittelt Unternehmen mit schweren Maschinen, die – falls nötig – Streifen erzeugen, wo kein Brennmaterial vorhanden ist. Nach Angaben von Rux stehen elf spezielle Forstschlepper in Schwerpunktforstämtern bereit. Sie können Material und Wasser transportieren, Schutzstreifen anlegen und die Feuerwehren unterstützen.
Die Grundlage bildet eine digitale Waldbrandeinsatzkarte. Sie enthält Hauptwege, Rettungspunkte, Wasserentnahmestellen und Plätze für mobile Wasserbehälter. Die Forstämter aktualisieren die Angaben jedes Jahr. Rux nennt die Karte, die ständig aktualisiert und weiterentwickelt wird, eine „riesige Errungenschaft“. In kleineren Arealen gibt es nach seinen Worten noch „weiße Flächen“. Dort fehlen gelegentlich Angaben aus Wäldern, die Kommunen oder private Eigentümer selbst bewirtschaften. Die unteren Forstbehörden schließen diese Lücken schrittweise.
Im Staatswald hält Rux das Wegenetz insgesamt für gut. Entscheidend sei aber der einzelne Brandort: Enge Zufahrten, fehlende Wendemöglichkeiten oder ausgetrocknete Teiche können den Einsatz bremsen. „Auch diese Wasserreservoirs im Wald trocknen im Laufe des Jahres leider immer weiter aus“, sagt Rux. Feuerwehren müssen deshalb häufiger Wasser von außen heranbringen. Mobile Behälter dienen als Speicher.
Auch das brennbare Material beeinflusst die Ausbreitung. Dicke, liegende Stämme fangen schwer Feuer und speichern Feuchtigkeit. Kleine Äste, trockene Nadeln und Kronenreste brennen rasch. An Wohngebieten, Gewerbeflächen, Schulen oder Grillplätzen lässt Hessen Forst solche Brandlasten gezielt verringern. „Da muss man gut abwägen, in welchen Bereichen das wirklich notwendig ist“, sagt Rux. Jede Räumung kostet Geld und bindet Personal.
Langfristig setzt Hessen Forst auf laubholzreiche Mischwälder und Maßnahmen, die mehr Wasser im Boden halten. Bis dieser Umbau wirkt, bleiben laut Rux engmaschige Kontrollen, befahrbare Wege, aktuelle Karten und eine schnelle Alarmierung entscheidend. Das größte Potenzial sieht Rux bei der Früherkennung. Hessen Forst erprobt Drohnen und vernetzte Rauchsensoren, vor allem für Südhessen und das Rhein-Main-Gebiet. Auch mehrere gleichzeitige Brände könnten die Forstämter nach seiner Einschätzung begleiten. Die Behörde sei bei der automatisierten Überwachung jedoch „noch lernfähig und ausbaufähig“.
Bild: Zwischen Bad Schwalbach und Taunusstein im Rheingau-Taunus-Kreis brennen rund 25.000 Quadratmeter Fichtenwald. Für Hessen Forst zeigt der Einsatz: Waldbrandvorsorge ist zur „Daueraufgabe“ geworden. Foto: Jörg Halisch/dpa
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