WEILMÜNSTER (red). Ein Strahlrohr in den Händen, den Wind in 30 Metern Höhe im Gesicht und die Feuerwehrtechnik Schritt für Schritt mit den Händen erkunden ...
Blinde und sehbehinderte Menschen entdecken bei der Freiwilligen Feuerwehr Weilmünster die Technik und Einsatzpraxis. Sebastian Skorno ist trotz seiner Sehbehinderung seit vielen Jahren in der Feuerwehr aktiv.
Für die Besucher des Feuerwehrhauses Weilmünster ist die Arbeit der Feuerwehr auf besondere Weise erlebbar geworden. Mitglieder der Bezirksgruppe Lahn-Dill des Blinden- und Sehbehindertenbunds Hessen konnten Ausrüstung ertasten, Rettungsabläufe kennenlernen und bei einer Fahrt im Leiterkorb neue Eindrücke sammeln. Dabei ging es nicht nur um Technik, sondern auch darum, wie sich die Welt der Feuerwehr erschließen lässt, wenn das Sehen eingeschränkt ist oder ganz fehlt.
Eine wichtige Rolle bei der Begegnung spielte Sebastian Skorno. Er ist seit seinem zehnten Lebensjahr in der Feuerwehr aktiv und gehört heute der Einsatzabteilung an. Trotz seiner Sehbehinderung übernimmt er vielfältige Aufgaben im Feuerwehrdienst. Dazu zählen die Brandschutzerziehung in Kindergärten und Schulen sowie unterstützende Tätigkeiten bei Einsätzen und Lehrgängen. Auch bei der Wasserversorgung und der Absicherung von Straßen ist er eingebunden.
Fahrt im Leiterkorb in rund 30 Metern Höhe
Der Kontakt der Bezirksgruppe zur Feuerwehr entstand durch das Interesse an ihrer Arbeit. Bei Treffen der Bezirksgruppe war der Feuerwehrmelder bereits mehrfach zu hören gewesen. Daraus entwickelte sich der Wunsch, das Feuerwehrhaus zu besuchen und die Ausstattung sowie die Aufgaben der Einsatzkräfte näher kennenzulernen.
Nach der Ankunft begrüßte Sebastian Skorno die Gäste. Maximilian Brumm hieß sie ebenfalls willkommen. Anschließend stellten sich die Beteiligten gegenseitig vor, bevor sie sich bei einem gemeinsamen Mittagessen stärkten.
Danach begann das praktische Programm. Zur Orientierung erhielten die Besucher speziell angefertigte Blätter, auf denen gedruckte Linien und Flächen mithilfe eines Wärmeverfahrens tastbar gemacht worden waren. Bei einem Rundgang durch das Feuerwehrhaus lernten sie die Räumlichkeiten kennen. Anschließend standen verschiedene Stationen auf dem Programm.
Im Mittelpunkt einer Station stand eine Rettungssituation: Eine Person war im Feuerwehrhaus gestürzt und sollte mithilfe einer Schleifkorbtrage über die Drehleiter gerettet werden. Die Teilnehmer ertasteten die Position der Leiter, des Korbs, der Tragenhalterung und weiterer Bauteile. So konnten sie nachvollziehen, wie die einzelnen Komponenten bei einer solchen Rettung zusammenspielen. Dieses Verfahren kommt normalerweise bei Rettungen aus höheren Stockwerken zum Einsatz.
Ein besonderer Höhepunkt war die Fahrt im Leiterkorb in rund 30 Metern Höhe. Dabei machten die Mitfahrenden Erfahrungen, die sich nicht allein durch eine Beschreibung vermitteln lassen. Sie berichteten, dass sie die Höhe weniger ausgeprägt wahrgenommen hätten als erwartet. Dafür war der Wind deutlich zu spüren, während das Laufgeräusch des Drehleitermotors kaum noch zu hören war.
Am Löschgruppenfahrzeug wartete eine weitere Aufgabe. Die verladene Ausrüstung wurde durch Ertasten erkundet. Unterschiedliche Schläuche und Strahlrohre konnten ausprobiert werden. Nach dem Wechsel der Stationen stand der abschließende Programmpunkt an: eine Vorführung zu den Gefahren eines Fettbrands. Dabei wurde demonstriert, was passiert, wenn brennendes Fett oder Öl in einer Pfanne mit Wasser gelöscht werden soll. Die Stichflamme, die Wärmeentwicklung und die Geräuschkulisse machten die Gefährlichkeit einer solchen Situation unmittelbar erfahrbar.
Der Besuch ermöglichte einen Austausch, von dem beide Seiten profitierten. Die Gäste erhielten Einblicke in die umfangreiche technische Ausstattung und die vielfältigen Aufgaben der Feuerwehr. Die Einsatzkräfte wiederum sammelten Erfahrungen darin, wie Informationen für blinde und sehbehinderte Menschen verständlich vermittelt werden können. Dabei zeigte sich, wie wichtig klare Kommunikation und alternative Zugänge sind, um technische Abläufe nachvollziehbar zu machen. Die Veranstaltung ging damit über eine gewöhnliche Fahrzeugbesichtigung hinaus. Sie bot Gelegenheit, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen und das gegenseitige Verständnis zu stärken.
Ein besonderer Dank galt den Feuerwehrkameraden Oliver Schmidt, Anton Klotsche, Maximilian Brumm, Marlon Sachse, Jonatan Joere und Manfred Förster für ihre Unterstützung. Ebenso wurde Knut Streffing vom Medienzentrum der Johann-Peter-Schäfer-Schule in Friedberg gewürdigt, der die ertastbaren Folien angefertigt hatte.
Bild: Am Löschgruppenfahrzeug können sich die Mitglieder der Bezirksgruppe Lahn-Dill des Blinden- und Sehbehindertenbunds Hessen an verschiedenen Schläuchen und Strahlrohren ausprobieren. Fotos: Feuerwehr Weilmünster
Bild: Die vielen Utensilien, die bei einem Einsatz gebraucht werden, können die Teilnehmer ertasten und kennenlernen. Fotos: Feuerwehr Weilmünster
Hinweis: Verwendung der Artikel mit freundlicher Genehmigung von mittelhessen.de.
